Fragen zur Bibliothek der Zukunft
- Wie muss man am 8. März abstimmen, wenn man sich einen Verbleib der Stadtbücherei im Pfleghof wünscht?
JA zum Pfleghof: Wer möchte, dass die Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof bleibt, sollte beim Bürgerentscheid am 8. März mit JA stimmen.
- Bereits 2019 wurde bei einem Bürgerentscheid mit deutlicher Mehrheit festgelegt, dass die Stadtbücherei an ihrem jetzigen Standort im Bebenhäuser Pfleghof modernisiert und erweitert werden soll. Warum wird nun erneut über den Standort der Stadtbücherei abgestimmt?
Bürgerentscheide sind nur drei Jahre lang rechtlich bindend. Im Dezember 2022, etwas mehr als drei Jahre nach dem Bürgerentscheid von 2019, hat der Gemeinderat den Bürgerentscheid aufgehoben - angeblich „aus formalen Gründen“. Diese „formalen Gründe“ wurden jedoch nie benannt. Tatsächlich wollten OB Klopfer und der Gemeinderat das Ergebnis des Bürgerentscheids nur kassieren, weil sie anders entscheiden wollten. Zunächst wurde nur eine „kleine, feine Sanierung“ der Bücherei im Pfleghof beschlossen - ohne die umfassende Erweiterung und Modernisierung, die eigentlich vorgesehen war. Im Juni 2025 hat der Gemeinderat dann sogar beschlossen, dass die Stadtbücherei ins Kögel-Gebäude umziehen soll. Die Entscheidung fiel mit der knappestmöglichen Mehrheit von nur einer Stimme - der des Oberbürgermeisters. Daraufhin haben die Stadträte Hermann Beck, Rena Farquhar und Martin Auerbach ein erneutes Bürgerbegehren auf den Weg gebracht. Bei diesem Bürgerbegehren kamen nicht nur die notwendigen etwa 5.000, sondern fast doppelt so viele Unterschriften zusammen. Deshalb dürfen nun wieder die Bürgerinnen und Bürger entscheiden: Am 8. März 2026 kommt es zu einem erneuten Bürgerentscheid über den Standort der Stadtbücherei.
- Sollte man auch dann am Bürgerentscheid am 8. März teilnehmen, wenn man bereits im letzten Jahr für das Bürgerbegehren unterschrieben hat?
Auf jeden Fall. Mit der Unterschrift beim Bürgerbegehren hat man nur seine Zustimmung dazu erklärt, dass in der Standort-Frage der Stadtbücherei die Bürgerinnen und Bürger das Wort haben sollen und dass ein Bürgerentscheid stattfinden soll. Die eigentliche Standort-Entscheidung fällt erst im Rahmen dieses Bürgerentscheids am 8. März - wer möchte, dass seine Stimme in der Standort-Frage gehört wird, muss zwingend am 8. März oder schon vorher per Briefwahl abstimmen. Achtung: In den ersten Tagen gab es bei der Versendung der Briefwahl-Unterlagen seitens der Stadt einen Fehler. Falls Sie schon per Briefwahl abgestimmt haben, prüfen Sie bitte unbedingt, ob Ihre Stimmabgabe korrekt war. Andernfalls wird Ihre Stimme als ungültig gewertet.
- Die Gegner einer Erweiterung und Modernisierung des bisherigen Standorts haben bezweifelt, ob der Bebenhäuser Pfleghof der richtige Standort für eine zukunftsweisende Bibliothek ist. Was sagen Experten dazu?
Der niederländische Architekt Aat Vos gehört zu den wichtigsten Bibliotheksplanern in ganz Europa. Er hat die Stadt Esslingen bei ihren bisherigen Planungen beraten, weil er überzeugt ist, dass sich aus dem Bebenhäuser Pfleghof und dem Nachbarhaus Heugasse 11 etwas richtig Gutes machen lässt. Das hat er in einem Interview der Esslinger Zeitung gesagt: „Die Voraussetzungen sind außergewöhnlich gut. Wenn man eine Bibliothek plant, muss man sich zunächst sehr intensiv mit den örtlichen Gegebenheiten auseinandersetzen. Die Bürgerbeteiligung hat uns gezeigt, was typisch ist für Esslingen: eine selbstbewusste Bürgerschaft und eine eigenständige Identität, die sich wesentlich in der denkmalgeschützten Altstadt manifestiert. Wir haben in vielen Gesprächen festgestellt, dass die Erwartungen an die neue Bibliothek sehr differenziert sind. Wenn die Stadt das ernst nimmt, kann sie etwas Besonderes schaffen.“
- Was macht den Büchereistandort im Bebenhäuser Pfleghof, der beim Bürgerentscheid 2019 von den Esslingerinnen und Esslingern so vehement bestätigt wurde, so besonders?
Aat Vos, der die wichtigsten Bibliotheken in Europa kennt und viele selbst gestaltet hat, hat dazu in einem Interview der Esslinger Zeitung gesagt: „Wir bewegen uns in einem Denkmal, können also unmittelbar an die Identität dieser Stadt anknüpfen. Und die Gebäudestruktur bietet ganz von selbst viele Möglichkeiten, unterschiedliche Bereiche zu schaffen, wie sie eine moderne Bibliothek braucht. Bei der Gestaltung müssen wir das Gemütlichkeitsbedürfnis der Menschen beachten. Die intensiven Nutzerbefragungen helfen, die Schönheit dessen, was schon vorhanden ist, auf neue Weise zu sehen. Andere Städte müssen sich solche Orte suchen – Esslingen kann im Pfleghof eine einzigartige Bibliothek schaffen, wie es sie nur hier gibt. Dieses Projekt bietet der Stadt großartige Möglichkeiten, um die andere sie beneiden. Das muss ein Projekt sein, das die ganze Stadt zu ihrem gemeinsamen Anliegen macht und das weit darüber hinaus wirkt.“
- Die Stadt schreibt auf ihrer Webseite, bei Kögel hätte die Stadtbücherei etwa 2.564 Quadratmeter Publikumsfläche zur Verfügung, wohingegen im Pfleghof nur etwa 1.838 Quadratmeter genutzt werden können. Heißt das, dass die Stadtbücherei bei Kögel deutlich mehr Publikumsfläche zur Verfügung hätte?
Nein. Die 1.838 Quadratmeter Publikumsfläche im Pfleghof sind nur der Ist-Stand. Der Pfleghof lässt sich - wie es ursprünglich vorgesehen war und wie es auch beim Bürgerentscheid von 2019 festgelegt wurde - um das Nebenhaus Heugasse 11 erweitern. Dadurch könnten nach Angaben der Stadt weitere 650 Quadratmeter Nutzungsfläche entstehen, die zum Beispiel für Lernarbeitsplätze genutzt werden könnten. Zusammen mit den aktuellen 1.838 Quadratmetern landet man damit bei nicht viel weniger als den bei Kögel versprochenen 2.564 Quadratmetern. Und damit nicht genug: Der Architektenwettbewerb hat gezeigt, dass im Pfleghof und der Heugasse 11 mit der damals angedachten „großen Lösung“ sogar bis zu 4.000 Quadratmeter Publikumsfläche möglich sind. Solche Erweiterungsperspektiven fehlen bei Kögel, wo man über die angekündigten 2.564 Quadratmeter nicht nennenswert hinauskommen wird. Zumal eine Bücherei im Kögel-Gebäude lange nicht so großzügig ausfallen wird wie ursprünglich angekündigt, da ein Teil des Gebäudes (Fischbrunnen 4 und 4/1), der anderen Eigentümern gehört, nun doch nicht für die Bücherei genutzt werden kann.
- Kögel-Befürworter führen häufig Barrierefreiheit als Argument für einen Bücherei-Umzug an. Wäre eine modernisierte und erweiterte Stadtbücherei im Pfleghof nicht barrierefrei?
Doch. Jedes öffentliche Gebäude - und damit auch die Stadtbücherei - muss barrierefrei sein. Das gilt selbstverständlich auch für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Stadt irgendwann einmal genügend Geld haben wird, um im Pfleghof ein Kulturquartier zu schaffen. Der vielfach - auch von der Stadtverwaltung - gelobte Siegerentwurf des Architektenwettbewerbs von 2020 hat gezeigt, dass sich Barrierefreiheit im Pfleghof selbstverständlich herstellen lässt. Wenn nun Bilder von Stufen und Absätzen im Pfleghof gestreut werden, die unüberwindliche Hindernisse darstellen, sollte man sich selbst einmal ein Bild machen, dass im Pfleghof schon viel getan wird, um Barrieren abzubauen. Natürlich muss bei einer Modernisierung der Bücherei noch sehr viel mehr getan werden. Das gilt aber auch für Kögel, wo es ebenfalls noch Stufen gibt, die leider nie gezeigt werden und die selbstverständlich auch - genau wie im Pfleghof - beseitigt werden müssten.
- Man hört gelegentlich, ein Umzug der Stadtbücherei zu Kögel wäre im Interesse einer Belebung der Innenstadt notwendig. Klammern die Befürworter eines Verbleibs der Stadtbücherei im Pfleghof diesen Aspekt aus?
Die Belebung der Innenstadt ist als Anliegen sicher uneingeschränkt zu begrüßen. Ob jedoch ein bloßer Umzug der Stadtbücherei um nicht viel mehr als 100 Meter hier einen großen Unterschied macht, darf zumindest stark bezweifelt werden. Wenn eine städtische Einrichtung schon jetzt einen wichtigen Beitrag zur Belebung der Innenstadt leistet, dann die Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof, die seit Jahren durchschnittlich etwa 1.000 Besucherinnen und Besucher pro Tag verzeichnen kann. Zieht die Stadtbücherei ins Kögel-Gebäude, wird nicht Leerstand beseitigt, es entsteht erst einmal nur neuer Leerstand im Pfleghof. Eine nachhaltige Belebung der Innenstadt ließe sich viel eher erreichen, wenn - zusätzlich zu einer modernisierten und erweiterten Stadtbücherei im Pfleghof - das Kögel-Gebäude wieder mit Einzelhandel bespielt würde. Damit könnte die Innenstadt gleich auf zwei Frequenzbringer zählen. Die Esslinger Zeitung zitiert den Einzelhändler Thomas Flöss (Sport Flöss) nach einer Diskussionsveranstaltung der City Initiative so: „‚Die Stadt muss investieren. Wenn sie’s richtig macht, kann etwas Tolles aus dem Pfleghof werden.‘ Stattdessen werde ‚über ein Kulturquartier geschwafelt, das keiner finanzieren wird‘. Esslingen brauche Einzelhandelsflächen: ‚Wenn ein Leerstand da ist, muss sich der, dem er gehört, um etwas Neues kümmern.‘“
- Wurde tatsächlich ernsthaft versucht, einen Mieter zu finden, der das Kögel-Gebäude für Einzelhandel nutzen würde?
Das ist unklar. Befürworter eines Bücherei-Umzugs zu Kögel betonen gerne, Interessenten für eine Handelsnutzung im Kögel seien schwer zu finden, da das Kögel-Gebäude für Einzelhandel zu verwinkelt und zu personalintensiv zu nutzen sei. Das erscheint jedoch zumindest fragwürdig: Weshalb soll das Kögel-Gebäude für eine Handelsnutzung zu verwinkelt, für einen Büchereibetrieb aber großzügig bemessen bzw. genau richtig sein? Zumal dieselben, die eine Einzelhandelsnutzung des Kögel-Gebäudes wegen der verwinkelten Gebäudestruktur ablehnen, bisher immer behauptet haben, der Pfleghof eigne sich nicht für die Stadtbücherei, da er zu verwinkelt sei. Und wenn zu viel Personal nötig ist, um Kögel für Einzelhandel zu nutzen, liegt es nahe, dass auch für einen Büchereibetrieb bei Kögel zusätzliches Personal notwendig ist. Gleichzeitig möchte die Stadt jedoch kein zusätzliches Bücherei-Personal einstellen - wie das zusammen gehen soll, wenn gleichzeitig keine Abstriche bei der Service- und Beratungsqualität gemacht werden sollen, ist schwer zu verstehen.
- Wie soll ein „Kulturquartier“ im Pfleghof, das von OB Klopfer bei einem Umzug der Stadtbücherei ins Kögel-Gebäude in Aussicht gestellt wird, konkret aussehen?
Das ist unklar. Ein konkretes Konzept hierfür liegt nicht vor - bislang gibt es nicht viel mehr als das Schlagwort „Kulturquartier“, das obendrein irreführend ist: Unter einem „Quartier“ stellt man sich gemeinhin ein ganzes Stadtviertel vor, OB Klopfer denkt bei diesem Begriff nur daran, unter Umständen mehrere Kultureinrichtungen im Pfleghof zusammenzuführen. Nähere Vorstellungen gibt es im Rathaus anscheinend nicht. Sollte die Bücherei tatsächlich ausziehen, soll es erst einmal sogenannte „Pop-up-Nutzungen“ geben, um auszuprobieren, was dort überhaupt stattfinden soll. Nicht nur die Museen, sondern auch viele andere erhoffen sich, mit ihren kulturellen Projekten dort Platz zu finden. Sollte tatsächlich alles Wirklichkeit werden, müsste der Pfleghof doppelt oder dreimal so groß sein, wie er tatsächlich ist.
- Welche Kosten kommen für die Einrichtung eines solchen „Kulturquartiers“ und für die dafür zwingend notwendige Sanierung des Bebenhäuser Pfleghofs auf die Stadt zu? Ist gesichert, dass diese finanziellen Mittel in ein paar Jahren, wenn diese Idee weiterverfolgt werden soll, auch bei anhaltend angespannter Haushaltslage tatsächlich zur Verfügung stehen?
Was ein „Kulturquartier“ im Pfleghof genau kosten würde, ist ebenfalls unklar. Mindestens sind dafür die Kosten zu veranschlagen, die für die Sanierung des Pfleghofs aufgebracht werden müssen. Kosten, die bisher von der Stadtverwaltung als deutlich zu hoch und daher nicht darstellbar zurückgewiesen wurden. Dass die Stadt Esslingen die dafür notwendigen finanziellen Mittel in ein paar Jahren, wenn die Stadt bereits einen hohen Millionenbetrag für den Ankauf und die Sanierung des Kögel-Gebäudes ausgegeben hat, auf einmal doch aufbringen kann, erscheint angesichts der aktuellen Finanz- und Haushaltslage zumindest zweifelhaft. Anfang Januar hatte der OB noch vermutet, dass ein Kulturquartier frühestens 2030/31 realisiert werden kann. Wenige Tage später musste er verkünden, dass der Stadt weitere 36 Millionen Euro im Haushalt fehlen und dass die nächsten Jahre noch härter werden könnten. Die Chancen auf ein Kulturquartier hat das sicher nicht erhöht.
- Können die Esslingerinnen und Esslinger sicher davon ausgehen, dass der Bebenhäuser Pfleghof auch dann in städtischer Hand bleibt, wenn sich nach einem Umzug der Stadtbücherei zu Kögel herausstellen sollte, dass die finanziellen Mittel für ein „Kulturquartier“ angesichts einer nach wie vor angespannten Haushaltslage doch nicht zur Verfügung stehen?
Nein. Eine entsprechende Garantie gibt keiner. Der aktuelle Gemeinderat hat sich zwar Ende Juni 2025 bei der Standort-Entscheidung zugunsten von Kögel zu einem Verbleib des Bebenhäuser Pfleghofs in städtischer Hand bekannt. Was von entsprechenden Zusagen zu halten ist, hat man in der Bücherei-Diskussion in den letzten Jahren jedoch immer wieder schmerzlich erfahren müssen - etwa nach dem Bürgerentscheid von 2019, als alle Gemeinderatsfraktionen erklärt haben, sich der Standort-Entscheidung der Bürgerinnen und Bürger verpflichtet zu fühlen. Oder in der Frage nach einer zweckgebundenen Rücklage zugunsten der Stadtbücherei, die zunächst eingerichtet wurde, nur um später nie existiert zu haben. Abgesehen davon würde über einen Verkauf des Pfleghofs vermutlich ohnehin in einigen Jahren ein neuer Gemeinderat und vielleicht auch ein neuer Oberbürgermeister entscheiden, und es ist nicht davon auszugehen, dass sich zukünftige Stadträtinnen und -räte noch an Zusagen ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger gebunden fühlen.
- Viele Esslingerinnen und Esslinger schätzen am Bebenhäuser Pfleghof den Kutschersaal als Veranstaltungsraum, in dem zum Beispiel während der LesART Lesungen stattfinden. Wo könnten im Kögel-Gebäude Veranstaltungen stattfinden?
Das scheint zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar zu sein. Einen separaten Veranstaltungssaal wird es im Kögel-Gebäude nicht geben. Veranstaltungen sollen über das Gebäude verteilt stattfinden - größere Veranstaltungen etwa im „EG-Bereich“, und „für Kinderlesungen oder Schulveranstaltungen kann ein Bereich in der Kinder- und Familienbücherei abgetrennt werden, der für rund 40 Kinder ausreichend wäre“, schreibt die Stadt auf ihrer Webseite. Hier stellt sich die Frage, ob es wirklich zielführend ist, wenn Kinderlesungen, bei denen es naturgemäß lebhafter und lauter zugeht als bei Erwachsenenveranstaltungen, mitten in der Bücherei stattfinden, wo gleichzeitig andere Nutzerinnen und Nutzer konzentriert arbeiten wollen. Die Stadt schreibt aber auch: „Um für alle Bereiche sinnvolle und flexible Lösungen zu finden, die insbesondere den akustischen Anforderungen gerecht werden, werden Innenarchitekt:innen hinzugezogen.“ Rundum überzeugt scheinen die Verantwortlichen hier demnach noch nicht zu sein. Schließlich heißt es, größere Veranstaltungen „können künftig entweder im EG oder auch weiterhin im Kutschersaal stattfinden.“ Letzteres wiederum erscheint ziemlich gewagt, wenn man bedenkt, dass niemand eine Garantie dafür gibt, dass der Bebenhäuser Pfleghof - und damit auch der Kutschersaal - auf lange Sicht in städtischer Hand bleibt.
- Was ist aus dem Geld geworden, das die Stadt in besseren Zeiten für die Erweiterung und Modernisierung der Bücherei zurückgelegt hat?
Der frühere OB Jürgen Zieger hat versprochen, dass alle Kräfte für die neue Bücherei gebündelt werden und dass man sie so schnell wie möglich verwirklichen möchte. Wie schnell solche Versprechungen überholt sind, sieht man jetzt. Obwohl Zieger im Gemeinderat, in verschiedenen Zeitungen und in seiner Schwörtagsrede 2018 gesagt hat, dass Millionen für die neue Bücherei zurückgelegt worden seien, will die Stadt von Rücklagen heute nichts mehr wissen. Dabei hatte Zieger sogar noch gesagt: „Das sind keine leeren Versprechungen.“ Jetzt hat sein Nachfolger im Gemeinderat gesagt, dass die Stadt gar keine Rücklagen für bestimmte Projekte bilden könne. Ob das Geld damals wirklich zurückgelegt wurde und was daraus geworden ist, müsste der Finanzbürgermeister eigentlich wissen.
- Stimmt es, dass die Stadt gar keine Rücklagen für ein bestimmtes Projekt bilden kann?
Alle Überschüsse aus dem Ergebnishaushalt der Stadt, in dem alle Aufwendungen und Erträge verbucht werden, fließen den Rücklagen zu. Haushaltsrechtlich ist es richtig, dass daraus zunächst einmal alle Verbindlichkeiten einer Gemeinde beglichen werden müssen. Erst dann kann man Rücklagen bilden. Experten sagen, dass Städte und Gemeinden nach den geltenden haushaltsrechtlichen Vorschriften solche Rücklagen nicht nur ganz allgemein, sondern auch für bestimmte Zwecke bilden können. Die Landeshauptstadt Stuttgart hat von dieser Möglichkeit bereits regen Gebrauch gemacht, indem dort politische Übereinkünfte über die Verwendung von Rücklagen getroffen wurden. So gibt es feste Vereinbarungen zwischen den Gemeinderatsfraktionen über die Höhe der Rücklagen, beispielsweise für die Opernsanierung, das Lindenmuseum, die Rad-Infrastruktur und weitere Einzelprojekte. Auch in Esslingen sind durch die früheren Zusagen von Verwaltungsspitze und Gemeinderat politische Festlegungen zur Bereitstellung von insgesamt 25 Millionen Euro für die Bücherei geschaffen worden. Dass diese Rücklagen für die Bücherei geschaffen wurden, wurde in verschiedenen Haushaltsreden und 2018 in der Schwörtagsrede des damaligen Oberbürgermeisters Jürgen Zieger versprochen. Darauf haben die Bürger vertraut.
- Manche behaupten, beim Bürgerentscheid 2019 sei nur über den Standort der neuen Stadtbücherei entschieden worden. Stimmt das?
Nein. Auf dem Stimmzettel stand damals ganz klar: „Sind Sie dafür, dass die Esslinger Stadtbücherei am aktuellen Standort in der Heugasse modernisiert und erweitert wird und der Grundsatzbeschluss des Gemeinderats für einen Neubau der Stadtbücherei am Standort Küferstraße/Kupfergasse aufgehoben wird?“ Erweiterung und Modernisierung waren also ganz klar Teil der Abstimmung. 19 557 Bürgerinnen und Bürger haben sich an der Abstimmung beteiligt. 15 321 Stimmberechtigte haben für die Modernisierung und Erweiterung der Bücherei am bisherigen Standort im Pfleghof gestimmt.
- Manche finden, dass es in der Esslinger Stadtbücherei dringend Verbesserungen geben müsse. Warum gibt es in der Bibliothek so viel Handlungsbedarf?
Die Bücherei arbeitet sehr gut und die Besucher loben die Arbeit. Man merkt aber, dass die Stadt in den letzten 30 Jahren nicht mehr viel in den Bebenhäuser Pfleghof und in das Nachbarhaus Heugasse 11 investiert hat. Das könnte sich kein privater Hausbesitzer erlauben. Die Bücherei-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter tun ihr Bestes, damit sich die Besucherinnen und Besucher trotzdem wohlfühlen. Der Service ist sehr gut. Aber die Bedingungen, unter denen das Personal arbeiten muss, sind sehr verbesserungsbedürftig. Wer sagt, dass Verbesserungen gar nicht so nötig wären, tut dem Bücherei-Team keinen Gefallen.
- Was genau hat die Stadt seit 1990 in die Gebäudesubstanz des Bebenhäuser Pfleghofs und der Heugasse 11 investiert?
noch offen
- Mit 20 bis 25 Millionen Euro für die Erweiterung und Modernisierung der Stadtbücherei hatte man gerechnet, jetzt sollen es mehr als 60 Millionen sein. Ist diese Kostensteigerung realistisch, und wie kann man sie erklären?
2018 führte die Stadt eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung durch, die für die Modernisierung und Erweiterung des Bebenhäuser Pfleghofs Kosten von 24,4 Millionen Euro ergab. Damals lagen eine ausführliche Konzeption für die neue Bibliothek und daraus resultierend ein Raumprogramm vor, allerdings noch keine genaue Planung. Die Kostenermittlung erfolgte anhand von Kennwerten. Eine wesentliche Begründung für die „Kostenexplosion“, von der die Stadtverwaltung jetzt spricht, seien die außergewöhnlichen Baupreissteigerungen, die die Stadt für den Zeitraum 2018 bis 2026 mit 50 – 55 % angibt. Wie sich die Baupreise tatsächlich entwickeln werden, weiß aber noch niemand, da auch die konjunkturelle Entwicklung eine wichtige Rolle spielen wird. Daneben haben sich im Zuge der weiteren Planung aber auch die Flächen gegenüber dem Architektenwettbewerb um 840 Quadratmeter erhöht, und allein die veranschlagten Mehrkosten für die Haustechnik – gemeint sind vor allem Lüftungsanlagen – schlagen mit 6,6 Millionen Euro zu Buche. Eine kritische Prüfung des Raumprogramms und die Suche nach Einsparpotenzialen, wie man das bei Bauprojekten, die man auch unter schwierigen Bedingungen umsetzen wollte, gemacht hat, fand bisher nicht statt.
- Hatten die Architekten beim Architektenwettbewerb eine klare Vorgabe, in welchem Kostenrahmen sie planen dürfen, oder konnten sie ohne Einschränkungen eine perfekte Bücherei planen?
In vielen Veranstaltungen mit der Verwaltungsspitze und den Gemeinderatsfraktionen wurden 2018 sehr hohe Erwartungen an die Esslinger Bücherei der Zukunft geweckt. Dies schlug sich in einem ehrgeizigen Raumprogramm nieder, das die Stadt als Grundlage für den 2019 durchgeführten Architektenwettbewerb vorgab. Ziel war es, möglichst nah an 4000 Quadratmeter Programmfläche zu kommen, gemeint sind die Flächen für Bücher und Medien sowie für Besucherinnen und Besucher. Einschließlich der zusätzlichen Neben- und Verwaltungsräume und der Erschließung umfasst der preisgekrönte Architektenentwurf eine Bruttogeschossfläche von 6.100 Quadratmetern. Den finanziellen Rahmen bildete die Wirtschaftlichkeitsuntersuchung von 2018, die auf der Basis von Kennwerten Gesamtkosten von 24,4 Millionen Euro auswies. Es besteht der Verdacht, dass die „Horrorzahl“ von 61 Millionen Euro einen guten Vorwand bietet, das ganze Projekt infrage zu stellen und die Zukunft der Bücherei auf einige kleine und unumgängliche Maßnahmen zur Behebung von Baumängeln einzudampfen.
- Ist es möglich, die Bibliothek im Pfleghof auch in Etappen zu modernisieren und zu erweitern?
Das wurde noch gar nicht ernsthaft untersucht. Aus Sicht des Bücherei-Unterstützungskreises ist es nicht nur möglich, in Etappen vorzugehen, sondern der einzige Weg, um zu einer Erweiterung der Bücherei im Pfleghof zu kommen.
- Wie hoch sind die Kosten für Abriss und Neubau der Nanzhalle?
Bisher hat die Stadt nur stark zusammengefasste Kosten veröffentlicht. In der Übersicht der Städtischen Gebäude (SGE) vom 24. Juni 2022 werden für den Neubau Baukosten von 7,66 Millionen Euro ausgewiesen. Der Posten „Herrichten und Erschließen“, der auch Abbruchmaßnahmen umfasst, wird mit 110.000 Euro beziffert. Hinzuzurechnen sind noch Baunebenkosten, Haustechnik und die Bibliothekseinrichtung.
- Sind die beiden Untergeschosse unter der Nanzhalle verzichtbar?
Unter der Nanzhalle werden Reste der Kapelle des Bebenhäuser Pfleghofs vermutet. Deshalb haben die Architekten im Untergeschoss eine „Lesekapelle“ vorgesehen, die ein sehr interessantes Fenster in die Esslinger Geschichte ermöglichen würde. Wenn es finanziell darstellbar ist, sollte diese Idee als ganz besonderes Element der Bücherei unbedingt realisiert werden. Möglicherweise reduzieren sich Mehrkosten, da wegen der Gründung eines Neubaus anstelle der Nanzhalle ohnehin archäologische Grabungen erfolgen müssen. Ein weiteres Untergeschoss, das nach der bisherigen Planung nur für technische Anlagen, insbesondere Lüftungsanlagen, benötigt wird, sollte allerdings vermieden werden.
- Welche Zuschüsse können für die Sanierung des Bebenhäuser Pfleghofs und des Nachbargebäudes Heugasse 11 beantragt werden (z. B. aus Mitteln des Denkmalschutzes vom Land, andere Landesmittel, von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz etc.)?
Anders als bei vielen anderen Projekten, die man gerne durchsetzen möchte und wo sofort mit Zuschussmöglichkeiten argumentiert wurde, hat die Stadt beim Pfleghof nie ernsthaft geprüft, welche Möglichkeiten es speziell für die Sanierung eines denkmalgeschützten Gebäudes gibt. Für einen Zweckbau wie Kögel sind solche Zuschüsse selbstverständlich nicht zu erwarten.
Weitere Fragen zur Zukunft der Esslinger Stadtbücherei senden Sie bitte an
zukunft-bib-es@gmx.de